Es gibt sie noch, die wohltuenden Momente bei einem Fußballspiel, auch wenn die eigene Mannschaft die Erwartungen nicht erfüllt, jeder einzelne Spieler des Teams weit unter seinen Möglichkeiten bleibt und es am Ende eine ärgerliche, weil höchst unnötige Niederlage zu beklagen gibt. Als umso erfreulicher wird es dann empfunden, wenn der Schiedsrichter eine solche Anekdote in der Rolle des Hauptakteurs prägt.
So geschehen beim letzten Auswärtsspiel unserer 1. Mannschaft in Raibach. Ein Abwehrspieler der Gastgeber hatte einen unserer Stürmer nahe der Seitenauslinie mittels eines heftigen Fouls zu Fall gebracht. Er selbst ging ebenfalls sofort zu Boden, wälzte sich im Gras und hielt sich mit beiden Armen und Händen den Kopf. Viele Zuschauer hinter dem Geländer zur vorbeiführenden Fahrbahn hin hatten jedoch aus kürzester Distanz einwandfrei festgestellt, dass der Kopfbereich dieses Spielers von seinem Kontrahenten überhaupt nicht berührt worden war. Die Leute empörten sich natürlich über das Verhalten dieses Spielers, denn es war nur allzu offensichtlich, was er mit seiner Schauspieleinlage zu erwirken hoffte.
Der Schiedsrichter, ein Sportfreund im etwas fortgeschrittenen Alter und daher nicht mehr übermäßig lauffreudig, hatte das Geschehen aus etwa zwanzig Metern Entfernung mit freiem Sichtfeld aufmerksam beobachtet. Er begab sich umgehend zum Ort des Geschehens und zog eine persönliche Bestrafung gegen unseren zuvor gefoulten Spieler gar nicht erst in Erwägung.
Als der besagte Spieler der Heimmannschaft realisiert hatte, dass sein Ansinnen keinen Erfolg versprach, sprang er sofort auf um sich zu entfernen. Irgendwelche Anzeichen oder Nachwirkungen seiner „Kopfverletzung“ waren nicht zu erkennen. Der Schiedsrichter zeigte ihm die gelbe Karte, was er mit der scheinbar überraschten Frage kommentierte: „Was, ich?“. Dass er genau wusste, weshalb er die Verwarnung erhalten hatte, kann nicht ernsthaft bezweifelt werden.
Der Schiedsrichter bewies mit seiner Entscheidung, dass man auch ohne „VAR – Video Assistent Referee“ selbst in schwierigen Situationen die Übersicht behalten und die einzig richtigen Schlüsse daraus ziehen kann. Dem Mann mit der Pfeife gebührt ein riesengroßes Lob.
Manfred Kähler
